In der letzten August Woche 2023 machten wir uns aus Selb, Regensburg, Mainz und Innsbruck auf in Richtung Alpen. Unser Ziel: Natürlich Chamonix, Frankreich. Wenn unser liebster Trailrunner Christian schon die Startplatz-Lotterie für den prestigeträchtigsten Ultra Trail Europas gewinnt, wollten wir uns das Lauf-Spektakel und die hochalpine Szenerie natürlich auch nicht entgehen lassen. Doch so toll diese Reise jetzt schon klingt, stellte sie uns vor einige Herausforderungen.
Schwitzen und frieren.
In den Wochen vor der Abreise legte sich eine regelrechte Hitzewelle über Mitteleuropa. Wenn man also bei ca. 33°C Temperatur die Koffer packt, tendiert man unweigerlich zu einer eher leichten Garderobe. Als wir dann am 26.08. unsere Reise starteten, drohte bereits ein Wetterumschwung mit Gewitter, Starkregen und etwas Abkühlung. Nichts, auf das wir nicht gefasst wären, so dachten wir zumindest.

Nach ca. 750 km Anfahrt trennten uns nur noch wenige steile Serpentinen von unserem Ziel. Als wir den Pass über den Col de Forclaz überquerten, hieß uns der Mont Blanc, in dicke Wolken gehüllt, mit eiskalten Winden willkommen. Die Aussichten vom Campingplatz im Örtchen Argentière sahen auf der Website beeindruckend aus. Dafür mussten wir uns jedoch noch eine Weile gedulden.

Zunächst folgten Dauerregen und weitere Abkühlung. Wir hätten uns in den heißen Tagen zuvor nicht erträumt, dass wir in der ersten Nacht schon Wärmflaschen und Leggings brauchen würden. Die mitgebrachte Winterkleidung war eigentlich nur für die Gondelfahrt zum auf 3842 m gelegenenen Gipfel Aiguille du Midi gedacht.

Ebenso überrascht müssen wohl die Teilnehmenden zu Beginn dieser Woche gewesen sein. Vor dem World Series Finale Ultra Trail du Mont Blanc starteten insgesamt sieben weitere Rennen rund um das Bergmassif mit jeweils ähnlichen Strecken, jedoch unterschiedlichen Distanzen und Schwierkeitsgraden. Am Montag begann das Rennen mit der längsten Distanz: PTL, 300 km, 25.000 hm. Da wir unsere geplanten Wandertouren aufgrund des Wetters vorerst vertagen mussten, begaben wir uns auf nach Chamonix zur Expo.

1042 Support Crew
Ein essenzieller Teil unserer Reise war natürlich auch die Unterstützung für Christian während dem Rennen. Dieser hatte sich monatelang akribisch auf das Event vorbereitet und einen ausführlichen Plan für sich und uns zurechtgelegt, womit er die enorme Strecke bewältigen wollte.

Wie bei jedem Lauf ab einer gewissen Länge gibt es beim UTMB verschiedene Aid-Stations, welche von den Crews der Teilnehmenden besucht werden dürfen. Die Regeln hierfür sind gerade bei ca. 2700 Startenden sehr streng. Wir hatten alles Wichtige in einer Sporttasche verpackt, um schnell auf die Bedürfnisse von Christian reagieren zu können. Nach letzten Handgriffen ging es für Christian und uns mit dem Shuttle Bus zum Start des Rennens in das Zentrum von Chamonix.
DNF nach 20 Metern
Start: Chamonix | Ortszeit: 18:00 Uhr

Wir bejubelten die tausenden Teilnehmenden zum Start des UTMB. Zum Glück hatte sich das Wetter zu perfekten Voraussetzungen zum Laufen entwickelt, sodass das Rennen in eine klare Vollmondnacht startete. Um 01:30 Uhr Nachts starteten wir müde, aber voller Vorfreude, den Motor. Aber wenige Meter weiter mussten wir unsere Tour vermeindlich schon wieder beenden … Im Stress der Vorbereitung hatten wir vergessen, dass das Eingangstor zum Campingplatz bis 06:00 Uhr morgens abgesperrt bleibt.

Unterwegs durch die Alpen
Aid-Station: Courmayeur | Zeit: 13 h 21 m | Distanz: 81,8 km
Die Anfahrt nach Courmayeur sollte durch den Mont Blanc Tunnel erfolgen. Jedoch war dieser aufgrund von Bauarbeiten nur einspurig befahrbar. An der Aid-Station angekommen, begannen wir mit den abgemachten Vorbereitungen: Kit-Check für die Versorgung und Zubereitung eines frischen Frühstücks-Sandwiches für Pechi. Die Hälfte war für Christian bereits geschafft, und mit neuer Kraft begab er sich im Morgengrauen wieder auf die Strecke.

What events 100 miles does to a person
Aid-Station: Champex Lac | Zeit: 22 h 14 m | Distanz: 127,6 km
Auf der ca. 2 Stunden langen Reise nach Champex Lac machten sich auch bei uns langsam erste Ermüdungserscheinungen breit. So mussten wir samt Versorgungs-Kit mit einem Linienbus die steile Auffahrt erledigen und gönnten uns zur Belohnung ein halbes Stündchen Schlaf am traumhaften Bergsee.

Leicht desorientiert und sichtlich erschöpft traf Pechi im vollen und entsprechend lauten Versorgungszelt ein. Nun war auch für ihn eine Ruhepause im separaten Schlafzelt angesagt. Nach seinem „Nickerchen” mussten wir ihn zu etwas Nahrungsaufnahme überreden. Unser zweites Parkplatz-Sandwich traf leider diesmal nicht seinen Nerv, aber zum Glück gab es frische Pasta vor Ort. So vergingen statt den geplanten 30 Minuten Aufenthalt zwar fast ganze 90, aber diese konnten Christian wieder auf die Spur bringen.

Ungeahnte Energiereserven
Aid-Station: Trient | Zeit: 26 h 34 m | Distanz: 143,8 km
Das Bordbistro zauberte noch schnell einen Kartoffelbrei auf dem Schotterparkplatz. Doch Pechi überraschte uns mit seiner Energie beim Einlauf. Scheinbar hatte sich die längere Pause in Champex-Lac wirklich bezahlt gemacht und er war nun deutlich fitter als wir ihn verabschiedeten.

Frittierte Sonnenstrahlen
Aid-Station: Vallorcine | Zeit: 29 h 40 m | Distanz: 154,4 km
Hier war lustigerweise auf den ersten Blick vom Lauf-Event, außer den großen, beleuchteten UTMB Bannern, wenig zu spüren. Es war eine regelrechte Party-Stimmung vor dem Versorgungszelt. Es gab Pommes-Frites und Glühwein. Als wir Pechi auf der Strecke erspähten und nochmal kräftig anfeuerten, machte er sich ohne zu zögern über unsere Kartoffelstäbchen her.

Worth it
Ziel: Chamonix | Zeit: 34 h 05 m | Distanz: 173,2 km
Nun wussten wir, dass er noch knapp 18 km und 1000 hm überstehen musste. Die sonst so überfüllte Innenstadt von Chamonix war fast leer und dunkel. Jedoch befanden sich im hell erleuchteten Zielbereich zahlreiche Unterstützende.
Auch für Pechi und uns wurde dieser lang ersehnte Moment endlich Wirklichkeit und er kam mit letzter Kraft ins Ziel gerannt. Die ersten Worte des diesjährigen Siegers Jim Walmsley lauteten im Ziel: “I feel terrible”. Christian’s Version dieser Aussage war in etwa: “Oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott…”.

Wir sind enorm stolz auf seine Leistung und freuen uns mit ihm, dass dieses Abenteuer erfolgreich zu Ende gehen konnte. Sowohl Christian als auch wir haben eine Menge dazu lernen können, was es bedeutet einen Ultra-Marathon dieses Kalibers zu bezwingen.